21.10.2010 - 19:20

Keine Leistungssteigerung und Verletzungsprophylaxe
durch statisches Dehnen

Neuere Erkenntnisse in der Erforschung der Muskulatur und Testreihen über die Wirkung (oder Nichtwirkung ) von Dehntechniken machen deutlich, dass endlich ein Umdenken, besonders beim statischen Dehnen, erforderlich ist. Seit Jahren werden dem Dehnen positive Eigenschaften zugeschrieben, die es so nicht erfüllt. Gerade bei der Sportlerbetreuung zeigt es sich immer wieder, dass vom Dehnen fünf Wirkungen erwartet werden:

1.Leistungssteigerung
2.Senkung der Muskelruhespannung
3.Verringerung muskulärer Dysbalancen
4.Verletzungsprophylaxe
5.Muskuläre Regeneration

In den letzten Jahren gab es viele Untersuchungen zu diesem Thema, mit erstaunlichen Ergebnissen.

1. Leistungssteigerung
Es kommt zu keiner Leistungssteigerung durch Dehnen direkt vor sportlicher Belastung in Schnell- und Maximalkraftsportarten. Im Gegenteil, der Leistungsabfall ist direkt nach statischen Dehnungen besonders stark. Untersuchungen der Bergischen Universität Wuppertal (Prof. Dr. Jürgen Freiwald) zeigen eine Abnahme der Leistungsfähigkeit von –2 Prozent bis -23 Prozent. Bei Lauf- und Ausdauersportarten liegen diese Zahlen sicher in einem niedrigeren Bereich, aber mit einer Leistungssteigerung ist auch hier nicht zu rechnen. Wichtig ist das Aufwärmen vor sportlicher Belastung, wobei Läufer auf höherem Leistungsniveau mehr davon profitieren, als Sportler auf einem niedrigeren Niveau.

2. Senkung der Muskelruhespannung
Als Quellen der Ruhespannung wurden die bis Ende der 70er Jahre unbekannten Titinfilamente ausgemacht. Sie bewirken, dass sich Muskeln nach einer Dehnung wieder zur Ausgangslänge zusammenziehen. Je kräftiger (hypertropher) ein Muskel ist, desto mehr Titinfilamente besitzt er und die dadurch höhere Ruhespannung lässt sich durch Dehnungstraining nicht senken.

3. Verringerung muskulärer Dysbalancen
Die funktionelle Länge der Muskeln wird durch die Alltagsmotorik bestimmt. Wird die zur Verfügung stehende Gelenkreichweite nicht regelmäßig ausgeschöpft, so verringert sich die Dehnfähigkeit der entsprechenden Muskulatur, sie „verkürzt“. Hypertrophe Muskeln, mit ihrer dadurch verbundenen erhöhten Ruhespannung, neigen zur „Verkürzung“. Deren Gegenspieler (Antagonisten) neigen zur Abschwächung und es entsteht eine Dysbalance in diesem Gelenksystem. Die Wadenmuskulatur (Mm. gastrocnemii) z. B. ist häufig hypertroph, verkürzt und neigt zu Krämpfen. Demgegenüber ist der Fußheber (M. tibialis anterior) deutlich schwächer und kann Schienbeinschmerzen verursachen. Diese Dysbalance beseitigt man nicht durch Dehnung der Wadenmuskulatur, sondern durch Kräftigung des abgeschwächten Fußhebers. Geht man bei der Kräftigung dieses Muskels bis an das Bewegungsende, so wird damit auch die gewünschte Dehnstellung der Wadenmuskulatur erreicht.

4. Verletzungsprophylaxe
Untersuchungen belegen, dass Dehnen vor und nach sportlicher Aktivität nicht das Verletzungsrisiko mindern. In manchen Studien wird sogar eine erhöhte Verletzungsrate durch Dehnungen festgestellt (Bergische Universität Wuppertal), wobei man sicher berücksichtigen muss, zu welchem Zeitpunkt Verletzungen eintreten. Sie treten meist gegen Ende eines Wettkampfes durch Ermüdung und Konzentrationsmangel auf und nicht durch ein vorgeschaltetes Dehnen beim Aufwärmen, da zum Verletzungszeitpunkt sicher jede Dehnwirkung vorbei ist. Je mehr muskuläre Dysbalancen bei einem Sportler vorliegen, desto verletzungsanfälliger ist er. Dieses gilt sowohl für Akutverletzungen als auch für Überlastungsreaktionen.

Beispiel: Supinationstrauma
Durch paralleles oder sogar innenrotiertes Gehen und Laufen kommt es zu einer funktionsbedingten Verkürzung des inneren Wadenmuskels (M. tibialis posterior), mit gleichzeitiger Abschwächung der äußeren Wadenmuskulatur (Mm.Peroneii ).
Der Fuß sollte im physiologischen Gangbild leicht ausgedreht aufgesetzt werden. Durch eine Innenrotation im Hüftgelenk zeigt die Fußspitze hier leicht nach innen. Die Anfälligkeit zum Umknicken (Supinationstrauma) steigt, nicht nur durch die Dysbalance, sondern auch durch die mechanischen Vorgaben in diesem Bewegungsmuster. Ebenso begünstigen bestimmte Fußstellungen im Alltag diese muskuläre Dysbalance. Dehnungstraining des „verkürzten“ Muskels innerhalb dieses balancegestörten Gelenksystems bringt keinen Erfolg. Es muss die eigentliche Ursache – das falsche Gangbild und das Spannungsdefizit der Mm. peroneii durch Krafttraining beseitigt werden.

5. Muskuläre Regeneration
Dehnungen werden im Sport häufig eingesetzt, um die Regeneration nach sportlicher Belastung zu verbessern. N/KLEWIEMANE/STARTMANN und (Arbeitsgruppe Bewegungslehre, Bergische Univ.- Gesamthochschule Wuppertal) haben  an Gymnastinnen, die ein beidbeiniges exzentrisches Training für die Oberschenkelmuskulatur (M. rectus femoris) durchführten, wobei ein Bein zwischen den Sätzen des Krafttrainings statisch gedehnt wurde, beobachtet, dass der Muskelkater im gedehnten Bein signifikant größer war als im ungedehnten Kontrollbein. Eine optimale Blut- und Lymphversorgung der Muskulatur ist wichtig für die muskuläre Regeneration, gerade bei intensiven sportlichen Belastungen mit Säurebildung (Laktat). Statische Dehnungen führen aber zu einer Kompression dieser Gefäße und daher zur Verzögerung der Regeneration. Auslaufen oder Ausradeln nach kraftausdauernden Beanspruchungen und sofortiger Flüssigkeits-, Mineralstoff- und Vitaminersatz sind die wirkungsvollsten Maßnahmen zur Sofortregeneration.

Dehnen – wann überhaupt?
Es soll nicht der Eindruck entstehen, Dehnen sei überflüssig oder hat überwiegend negative Auswirkungen auf den Körper. Es stellt sich nur die Frage, wann man es einsetzt. Viele Sportler berichten, dass sie sich nach Dehnungen subjektiv besser fühlen. Hier liegt die Wirkung sicher eher in der psychologischen Entspannung, durch die ruhigen Dehnübungen nach Belastung, als in der physiologischen Regeneration. Bei Zerrungen und Muskelfaserrissen oder auch bei Operationsnarben ist es sehr sinnvoll zu dehnen, allerdings gering dosiert, um keinen neuen Strukturschaden zu setzen. Dehnungen bewirken hier einen strukturbildenden, formativen Reiz auf das Gewebe. Bei Sportarten die vermehrte Beweglichkeit erfordern ( z. B. Hürdenlauf ) ist es sicher ratsam gezielte sportartspezifische Dehnungen beim Aufwärmen durchzuführen. Vor dem Dehnen sollte immer ein allgemeines Aufwärmen stattfinden. Anschließend sind aktive und dynamische Dehnungsarten zu bevorzugen.

Dynamische Dehnmethode:
Der Sportler führt fünf bis fünfzehn federnde Bewegungen mit individuell dosierter Bewegungsgeschwindigkeit im schmerzfreien Bereich durch.

Fazit
Ein einheitliches Konzept zur Leistungssteigerung und Verletzungsprophylaxe gibt es nicht. Nicht nur Auf- und Abwärmen ist wichtig, auch der Gesundheits- und Leistungszustand eines Sportlers spielt eine große Rolle. Es müssen Vorschädigungen am Stütz- und Bewegungsapparat, eventuelle Skelettanomalien oder vorhandene Bewegungseinschränkungen berücksichtigt werden, die sehr schnell zu Überlastungsreaktionen und Verletzungen führen können. Viele Beschwerden lassen sich durch gezielte, individuell auf den Sportler abgestimmte präventive Maßnahmen vermeiden. Dazu gehört eine funktionelle Gymnastik zur Verbesserung der Beweglichkeit, Schulung physiologischer Bewegungsmuster und Beseitigung muskulärer Dysbalancen sowie ein koordinatives Training. Vorbeugen ist besser als Heilen!

Text & Fotos: Petra Michaelis


Literaturtipp:
Petra Michaelis
Moderne funktionelle Gymnastik
In diesem Buch werden die neuesten Erkenntnisse zur Wirkung von
Dehntechniken berücksichtigt. Zahlreiche Illustrationen und Übungsprogramme verdeutlichen dem Leser die moderne funktionelle Gymnastik.

Erschienen im Meyer & Meyer
Verlag, 2. Auflage. 120 Seiten, zweifarbig 166 Fotos, 4 Abb.
ISBN 3-89124-813-X
EURO 16,90/SFr 29.

 

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